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Seeberufsfachschule - Ein Traum ist schnell vorüber

01.09.1944
Görlitz, Deutschland, Deutschland

Wolfgang Pickert (5.v.l.) mit Kameraden Görlitz, 1944

Wasser und Schiffe - das war seit der Kindheit etwas, das mich anzog und faszinierte. Warum, weiß ich nicht. Jedenfalls war ich Feuer und Flamme, als 1943 jemand beim Unterricht im 7. Schuljahr auftauchte und einen Werbevortrag für eine neue Einrichtung des Führers - Seeberufsfachschule genannt - hielt. Dort sollte der Offiziersnachwuchs der Handelsmarine ausgebildet werden. Zunächst vier Jahre Grundausbildung, dann Fahrenszeit und Studium, um als Endziel Kapitän oder Chefingenieur auf großer Fahrt zu werden. Das war es also, genau das, was ich unbedingt machen wollte. Soweit ich noch weiß, war ich der einzige in der Klasse, der sich für dieses Angebot begeisterte. Kurz darauf kam mein Vater auf Urlaub, und wir diskutierten lange diese Angelegenheit. Er war keineswegs angetan von meinem Vorhaben. Ich glaube fast, er sah schwarz für die gesamte Zukunft des Landes und somit auch für die deutsche Seefahrt. Wie recht er hatte...

Doch ich war nicht abzubringen und fuhr tags darauf zu meinem Freund Gerhard, um ihn einzuspannen und Vater zu überzeugen. Er tat es sofort, und es gab wieder ein langes Palaver zwischen uns beiden und meinen Eltern. Das Ergebnis war, dass ich zwar meine ersehnte Berufslaufbahn einschlagen könne, doch auf jeden Fall die technische, da ich dann später einen richtigen Beruf haben würde, wenn es schief gehen sollte mit der Marine. Ein Ingenieur würde immer noch eine Arbeit finden, ein Kapitän nicht. Natürlich willigte ich ein, denn ein derartiger Kompromiss war besser als eine Ablehnung, obwohl ich lieber Kapitän werden wollte.

So kam es, dass ich mich anmeldete, bzw. die Eltern mussten das tun. Es gab für sie sogar eine Erziehungsbeihilfe. Ich würde also in die Schule einziehen, gleich nach dem Ende der Volksschulzeit. Es existierten nur wenige Seeberufsfachschulen in ganz Deutschland, so z.B in Wolgast und Neuwied als seemännische Ausbildungsstätten und oder in Essen und Görlitz, wo es technisch zuging. [Photo: Wolfgang Pickert mit seinen Eltern, 1943]Sofort nach meinem vierzehnten Geburtstag, der übrigens wieder einmal im Bombenterror unterging, kam ich zur ersten Eignungsprüfung, die ich gut bestand. Im März ging es zur sogenannten "Endauslese" in den Westerwald, wo ein Barackenlager uns Anwärter auf eine erhoffte große Laufbahn aufnahm. Dort war es äußerst primitiv. Ich erinnere mich noch an die große Latrine, wo wir wie die Hühner nebeneinander auf der Stange saßen, ohne Abgrenzung. Doch wir nahmen es nicht so genau, schließlich wollten wir endgültig angenommen werden.

Ein großes Erlebnis war die Einkleidung. Nicht nur eine richtige Marineuniform mit dem berühmten weiten Schlag an den Hosen, Bluse, "Exkragen", der engen Collani-Jacke mit den goldenen Ankerknöpfen, sondern auch ein "Arbeitspäckchen", wie es bei der Marine heißt, also Hemd und Hose aus solidem Material, Bordschuhe aus Segeltuch, eine Mütze mit dem Band und ein Käppi vervollständigten die Ausrüstung. Auch ein Seesack war dabei, der nebst einem Holzkasten für simple Dinge wie Zahnbürste, Schuhpflegemittel etc. alles aufnehmen sollte. Das Packen des Seesackes war unsere erste Lehrstunde, und wir staunten, was da so hineinging.

Drei Monate lang wurden wir geschult und geprüft, wobei das unvermeidliche Exerzieren - schon beim Jungvolk geübt und verpönt - ein wichtiger Faktor war. Im Militarismus aller Armeen auf der Welt ist das ja ein bewährtes Mittel, den eigenen Sinn auszuschalten. Es soll zum Nichtdenken verhelfen, und die unnatürlichen Bewegungsabläufe wie zum Beispiel der Stechschritt, sind auf unbedingte Gleichheit und auch Befehlsgehorsam ausgerichtet. Eingefleischten Militaristen wird diese meine Einschätzung nicht schmecken, doch ich bin nun mal keiner von ihnen. Im Endeffekt gehört das schließlich ebenfalls zum Töten lernen, wie das Schießen. Nun gut, zur Seeberufsfachschulzeit habe ich das natürlich nicht so erkannt, nur Spaß hatte es mir auch nicht gemacht. Aber es wurde auch Sport getrieben und nicht zu knapp. Wir spielten unter anderem Fußball, und ich schrieb nach Hause, dass ich meinen Fußballkoffer haben wollte. Mutter schickte ihn, und die Kameraden staunten, als ich beim Fußballspielen im Dress des BSV 92 antrat.


Nach erfolgter Endprüfung, ich glaube, wir bestanden alle, ging es nach Görlitz, wo wiederum ein Barackenlager auf uns wartete, diesmal jedoch komfortabler. Eingeteilt in Züge und Gruppen, letztere nach Körpergröße gegliedert, war ich in der ersten Gruppe. Zu dieser Zeit hatte ich eine ganz normale Länge - wer mich heute kennt, könnte es nicht glauben! Mein Wachstum ist später zum Stillstand gekommen. Wir wurden auf Stuben zu je acht "Mann" eingeteilt, und ich wurde auch "Stubenältester", der die tägliche Meldung an den Hausleiter machen musste: "Stube Vier mit acht Mann in den Kojen, keine besonderen Vorkommnisse!" Nach dem Aufstehen, welches mittels Bootsmannspfeife und einem kernigen Singsang wie "Reise, reise, aufstehen, hoch die müden Leiber!"... usw. erreicht wurde und dem gemeinsamen Waschen, begann der tägliche Dienst: Antreten, marschieren zur Werkstattbaracke, dort arbeiten, antreten, marschieren zur Essbaracke, antreten, marschieren zur Werkstattbaracke, arbeiten, antreten, marschieren zur Wohnbaracke - das war der übliche Alltag. Allerdings war nicht jeden Tag die Werksausbildung, die übrigens durch qualifizierte Altgesellen und Meister geleitet wurde. Wir sollten ja schließlich auch einen Abschluss als Betriebsschlosser machen. Es wechselte auch mit theoretischem und politischem Unterricht ab. Daneben ein wenig seemännische Unterweisung in Knoten, Spleißen, Winken und natürlich Sport.

Die Ausbilder waren sehr gut, doch ich weiß nicht, aus welchen Kreisen sie sich rekrutierten. Darüber dachten wir natürlich nicht nach, sie waren unsere Vorbilder. Sicherlich kam die Ideologie nicht zu kurz. Wir lernten die Nürnberger Gesetze mit dem wahnsinnigen Inhalt des Rassenwahns, ohne uns über diesen Inhalt Gedanken zu machen, wir sangen inbrünstig beim alltäglichen Flaggenappell das Deutschlandlied, dem sogleich das Horst-Wessel-Lied folgte, wobei wir beim Singen den rechten Arm heben mussten, der immer lahmer wurde, je länger es dauerte. Wenn heute die Nationalhymne ertönt, ist mir immer nur die erste Strophe der damaligen Zeit geläufig. Die geht nicht mehr raus, ich habe sie zu oft singen müssen! In der Werkstattausbildung ging es wie in einem guten Lehrbetrieb zu. Mit Feile, Hammer, Meißel, Reißnadel, lernten wir umzugehen und zogen uns harte Schwielen an den Händen zu. Beim Meißeln floss auch schon mal Blut am Daumenknöchel.

[Photo: Wolfgang Pickert mit seiner Mutter, 1944]Mein erstes selbstgefertigtes Werkstück war eine Königskuchenform, die ich meiner Mutter bei ihrem ersten Besuch überreichte. Sie, wie auch die anderen nächsten Angehörigen, hatte die Möglichkeit, an den Wochenenden nach Görlitz zu kommen und mich zu sehen. Was war sie stolz auf mich! Leider brachte sie mir dabei die Nachricht, dass mein Freund Gerhard in Russland gefallen war.

Das war für mich ein großer Schock. Er war der erste richtige Freund in meinen jungen Jahren, und ich hatte ihn oft um Rat gefragt, wenn ich Probleme hatte, den er mir immer mit Erfolg gegeben hatte. Nun zeigte mir der Krieg ganz persönlich, was er war. Gerhard musste sein Leben lassen, als er gerade einmal zwanzig Jahre alt wurde. Er zog wie viele andere in diesen Krieg im festen Glauben, dem Vaterland in schweren Zeiten zu dienen. Und nun war er tot, ich konnte es kaum fassen. Sein Grab lag in der Ukraine, wo er bei Kiew als Schütze einer Pak fiel. Meine Mutter kümmerte sich sehr um seine Mutter, da es weiter keine Angehörigen gab. Er war auch fast ein Teil unserer kleinen Familie. Als Geselle war er mehr als nur Angestellter in der Firma meiner Eltern. Auch der Lehrjunge Willi hatte keine Angehörigen, und so blieb es nicht aus, dass die beiden einen Teil ihrer Freizeit mit uns verbrachten. Nach einigen wenigen Briefen von der Russlandfront wussten wir nichts mehr über sein Schicksal. Er gehört zu den Vermissten dieses verdammten Krieges.

Wir Jungen hatten immer großen Appetit, von Hunger will ich nicht reden, der kam später. Wir hatten eine einigermaßen gute Verpflegung. Zur Mittagszeit gab es regelmäßig Pellkartoffeln, die für eine "Back" - wir lernten seemännische Ausdrucksweisen - also ein Tisch in diesem Falle, für zwanzig Esser in vier Schüsseln serviert wurden. Wer am schnellsten die heißen Dinger pellen konnte, hatte auch entsprechend mehr zu essen. In diesem Zusammenhang aber geschah etwas, was für mich und auch für uns alle jungen und durchaus idealistischen Menschen einen Schock in unseren Seelen auslöste. Auf unserem Gelände befand sich ein Gefangenenlager für russische Soldaten. In einer Mulde gelegen, offen und ohne jeden Schutz vor Witterung, vegetierten diese armen Menschen vor sich hin. Wir marschierten jeden Tag daran dicht vorbei und konnten die ausgemergelten Gestalten sehen. Voller Mitleid warfen wir extra aufgehobene Essenreste wie Brot und Kartoffeln hinunter, um die sich die Gefangenen rauften. Es war uns zwar streng verboten dies zu tun, doch wir konnten nicht anders. Das war eine Seite des Krieges, die wir noch nicht kannten. Es machte uns betroffen, und wir sprachen darüber. Allerdings nur unter uns. Was wir vom sogenannten "Untermenschentum" der Russen durch Propaganda in den Zeitungen und der Wochenschau im Kino zu wissen glaubten, hatte damit doch nichts zu tun. Es waren ja Soldaten, wie wir verwundert feststellten. Wie könnten wir guten Deutschen unsere Gefangenen so behandeln? Es müssen mehr als tausend Menschen gewesen sein, die wir so jeden Tag in ihrem Elend beobachteten. Ich glaube nicht, dass dort jemand überlebt hat und habe auch bei meinen Nachforschungen nichts darüber in Erfahrung bringen können.

Trotz dieses einschneidenden Erlebnisses war das erste Jahr auf der Seeberufsfachschule wunderschön. Wir alle träumten von einer großen Zukunft und sahen uns schon jetzt als wahre Seeleute. Wenn wir Ausgang hatten - in Uniform natürlich - besuchten wir das Kino in der Stadt. Ich weiß noch, wie wir einen Film mit der Schauspielerin Marika Rökk sahen, der für Jugendliche unter achtzehn Jahren verboten war. Doch an der Kasse hielt uns niemand für so jung in unserer schicken Marinekleidung. Verbotenerweise weiteten wir auch die Schlaghosen mittels zurechtgeschnittener Bretter aus und verlängerten die Mützenbänder, die unserer Meinung nach viel zu kurz waren. Wenn auch der Dienst eigentlich ganz schön anstrengend sein mochte, wir empfanden das gar nicht so in unserer Unbekümmertheit und dem idealistischen Elan, der uns beflügelte. Auf einem Urlaub in Berlin traf ich mit meinem Vater zusammen, der ebenfalls Urlaub hatte. Ich weiß nicht, wer stolzer von uns beiden war, wenn wir uns gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegten. Ein altgedienter Stabsgefreiter, der Teilnehmer des ersten Weltkrieges gewesen war und sein Sohn, der blutjunge Matrose, das war ein Paar!

Doch die schöne Zeit in Görlitz verging schnell, zu schnell. Denn eines Tages hörten wir ein fernes und dumpfes Grollen in der Luft. Da wurde allen klar, es war die Front mit ihrem Geschützfeuer, die näher kam.

08.03.2013 РІ 13:10


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