Autoren 717
 
Aufzeichnungen 106703
Registrierung Passwort vergessen?
Memuarist » Members » Wolfgang Pickert » Fliegeralarm in Berlin

Fliegeralarm in Berlin

21.12.1942
Berlin, Deutschland, Deutschland

Wolfgang Pickert 1943

In Berlin begann es mit Probealarmen anfangs des Krieges. Die auf den Dächern angebrachten Sirenen jaulten mit einem langgezogenen Ton als Zeichen der Frühwarnung, dem "Voralarm". Danach heulten sie auf- und abschwellend was bedeutete, dass es nun Ernst sei und wir schleunigst den "Luftschutzkeller" aufzusuchen hätten. Dieser Ernst sollte bald eintreten. Mit den wichtigsten Habseligkeiten im "Luftschutzkoffer" untergebracht, hasteten wir dürftig angezogen - die Angriffe kamen zunächst nur während der Nacht - in den Keller, wo alle Hausbewohner zusammenkamen. Dieser besondere Kellerraum hatte Pfeiler, welche die Decke abstützten. Dann war er durch eine schwere Stahltür, die Gummidichtungen aufwies, verschlossen.

Wer diese Nächte, später auch Tage, nicht selbst erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen, wie diese sich wiederholende Todesangst aussah. Erst bellten die 8,8-Flakgeschütze der sogenannten "Heimatverteidigung", dann hörten wir das helle Singen der amerikanischen Maschinen, was sich von den deutschen Flugzeugen deutlich unterschied, und schließlich fielen die Bomben, mit vorhergehendem Pfeifen, vor allem der Luftminen, und die Detonationen, die alles erschütterten. Der Luftdruck erzeugte einen Unterdruck, die versteiften Luftschutztüren erbebten, die Wände wackelten, und wir zogen unwillkürlich die Köpfe tief ein, wir beteten und warteten auf das Ende des Angriffs. Wenn es dann wirklich vorbei war, gingen wir wieder nach oben, um abermals ins Bett zu gehen. Es kam mehr und mehr vor, dass sich das in einer Nacht wiederholte. Ab dem Jahre 1943 hatte kaum noch jemand Fensterscheiben in der Wohnung. Stoisch gingen wir ans Werk und verglasten selbst. Ich habe dabei tatsächlich gelernt, wie man mit dieser Reparatur fertig wird. Später hatte das keinen Sinn mehr, und wir mussten uns mit zurechtgeschnittener Pappe begnügen, die wir vor die Fensterrahmen nagelten. Im Grunde lebten wir nur in Angst vor dem nächsten Fliegeralarm. Wenn danach der lange Heulton zu hören war wussten wir, es gab Entwarnung, und wir hatten überlebt!

Am Anfang der Angriffe waren wir Jungen scharf auf "Splitter". Das waren die zerborstenen Reste der Flakgeschosse, die auf Dächer und Straßen niederregneten. Wir sammelten sie und tauschten diese bizarren und unterschiedlichen Gebilde untereinander aus. Einmal fand ich eine Stabbrandbombe. Die war sechseckig, ca. 70 cm lang, gefüllt mit Magnesium. Beim Aufschlag entwickelte sie eine Flamme, die mit tausend Grad die getroffenen Dachstühle in Brand setzte. Aus unerfindlichen Gründen war diese tückische Bombe - später waren die abgeworfenen Phosphor-Kanister noch schlimmer - nicht explodiert. In meiner Unwissenheit schleppte ich das schwere Ding von etwa. zehn Kilogramm in die Schule, wo die Klassenkameraden sogleich einen Tausch gegen Splitter anboten.

Unser Lehrer Stanitzki, ebenso unwissend in diesem Krieg wie wir, urteilte selbstbewusst, dass dieser Fund ungefährlich sei, da er seiner Meinung nach länger zu sein hätte. Wie wir später mitbekamen, fehlte nur das Leitwerk aus Leichtmetall, doch soweit waren wir ja noch nicht. Als die Tauscherei nicht klappte, ich wollte das kostbare Stück unbedingt behalten, nahm ich es wieder mit nach Hause. Mutter wusste auch nichts damit anzufangen, und so lagerte die Bombe einige Tage in der Wohnung. Dann kam ein Klassenkamerad zu Besuch. Wir waren im Hof, wo ich das komische Ding einige Male mit dem schweren Ende auf den Boden stampfte. Seltsamerweise passierte gar nichts! Also hatten wir die glorreiche Idee, es doch von oben aus dem vierten Stock zu versuchen. Und siehe da, es klappte - die Bombe explodierte mit einem Riesenknall, und die Brandmasse breitete sich blitzschnell aus. Wir flitzten nach unten und sahen die Bescherung. Glücklicherweise war sie nur auf Asphalt aufgekommen, der zwar geschmolzen war, doch es gab lediglich ein großes Loch. Der Brand verlöschte mangels brennbaren Materials. Aus dem Hause hatte keiner etwas bemerkt, und so ging dieses aus heutiger Sicht unglaubliche Abenteuer für uns gut aus. Wir hielten auch in der Schule dicht und bewahrten so unseren Lehrer vor sicherlich unangenehmen Nachbetrachtungen...

Sehr schnell machte der "Bombenterror", wie er genannt wurde und es ja auch war, den ganzen Schulbesuch zur Farce. Im August 1940 bereits erfolgte der erste Angriff, der die ersten Toten zur Folge hatte. Die Amerikaner kamen fast jede Nacht, und im Winter 1942/43 flogen sie schwerste Angriffe. Sprengbomben verschiedenen Kalibers, Luftminen mit deren im weiten Umkreis zerstörendem Luftdruck, Brandbomben, Phosphor-Kanister mit durch Wasser unlöschbarem Inhalt, der bei Berührung auf der Haut schwere Verätzungen hervorrief, alles fiel auf die Stadt und machte aus ihr ein weites Trümmerfeld. Ab 1943 beteiligten sich auch englische Halifax- und Lancasterbomber an diesem Wahnsinn. Menschen verbrannten bei lebendigem Leibe, wurden unter den einstürzenden Häusern verschüttet, und so verloren 50 000 Menschen ihr Leben, 1.8 Millionen wurden obdachlos durch ca. 400 Fliegerangriffe. Wer seine Wohnung verloren hatte, war "bombengeschädigt", wie es amtlicherseits hieß und bekam eine Bescheinigung. Es wurde sogar unterschieden zwischen teil- oder totalgeschädigt, was allerdings nicht viel half, denn eine neue Wohnung war ja nicht zu bekommen. Viele Bombengeschädigte kamen bei Verwandten oder anderen hilfreichen Leuten unter. Andere mussten Berlin verlassen, um woanders ihren Lebensraum zu finden. Etwas Großartiges war der Zusammenhalt der Menschen. Man half sich gegenseitig und versuchte so gut wie möglich, diese Zeit zu überstehen. Ein geflügeltes Abschiedswort war: "Bleib übrig!" Es zeigte einen gewissen Fatalismus aber auch etwas von Humor, der trotz allem vorhanden war.

Der Schulbesuch war natürlich äußerst unregelmäßig, und wenn wir morgens unausgeschlafen und verstört zum Unterricht erschienen, wurde zunächst über die vergangene Nacht gesprochen. Trotzdem ging das Lernen irgendwie weiter, allerdings nur bis zum 7. Schuljahr. Das Abschlusszeugnis enthielt die letzte und achte Klasse nicht mehr. Trotz dieser schlimmen Zeit waren meine Zeugnisse durchweg gut bis auf die Vieren im Rechnen, was noch sehr großzügig war. In Deutsch und Geschichte glänzte ich mit Zweien und Einsen in allen Jahren. Einmal schrieb ich einen Aufsatz über den "Russlandfeldzug". Der Kommentar vom Lehrer Stanitzki am Rande des Heftes lautete: "Über solch eine Arbeit freut sich auch der Klassenlehrer!" Zum Schluss stand die Schule zwar noch, doch gab es keine Fenster und Türen mehr. Im Bürgersteig davor war ein Riesen-Bombentrichter, und viele der Mitschüler waren ebenso ausgebombt wie wir auch, denn am 23. Dezember 1943 brannte auch unsere Wohnung aus. Diese Nacht vor Heiligabend zerstörte alles, was meine Eltern an Hab und Gut hatten, auch meine mir lieb gewordenen Dinge. So hatte ich einige Flugzeugmodelle aus Pappe gebastelt, die von der Schlafzimmerdecke herabhingen. Zwei Schiffsmodelle aus Baukästen, ein Schnellboot und ein U-Boot, gab es ebenfalls, sowie mein über alles geliebter Teddybär aus frühen Kindertagen, der schon fast kein Fell mehr hatte. Doch was bedeutete das gegenüber einem: Wir lebten! Das Feuer hatte sich offenbar durch eine Stabbrandbombe verursacht, im Dachgeschoss ausgebreitet und war auf den vierten Stock bis zum Eckhaus zur Geßlerstraße durchgefressen.

Zu dieser Zeit war ich als "Luftschutzmelder" eingesetzt und mit Armbinde, die blau war und ein weißes "M" aufwies, Luftschutz-Stahlhelm und Feuerschutzbrille ausgerüstet, bei jedem Alarm auf Sprung. Das hieß, ich musste warten, bis die ersten Bomben fielen, um dann gegebenenfalls zum Alarm-Einsatzort zu rennen und eben Meldung zu machen. Das mit dreizehn Jahren! So war auch der Moment gekommen, als wir in unserem Luftschutzkeller etwas rumpeln hörten, das so ungewöhnlich wie nie zuvor war. Es war kein Bombeneinschlag, es war aber etwas Furchterregendes. Also rannte ich die Treppe nach oben und sah was los war. Es brannte und knisterte über mir, als ich den letzten Stock erreicht hatte. So musste ich wieder nach unten, um die Hausbewohner im Luftschutzkeller zu informieren. Nun eilten alle nach oben und holten aus ihren Wohnungen heraus, was sie konnten. Mutter auch, obwohl nicht mehr viel zu machen war, nur einige Koffer konnte sie aus dem Fenster werfen, da das Feuer bereits durch die Decke gekommen war. Ich hatte zu tun, mit Wassereimern und "Feuerpatsche" gegen die Flammen anzukämpfen. Diese Feuerpatsche war ein eigens öffentlich angeordnetes Abwehrmittel, welches aus einem Schrubber- oder Besenstiel mit einem daran festgebundenen Scheuertuch bestand.

Mit mir zusammen war ein Nachbarmädchen, zwei Jahre älter als ich. Wir beide allein waren es, die das Haus retteten. Nur die oberen Etagen brannten aus, so auch unsere Wohnung. Wie wir das geschafft hatten, weiß ich nicht mehr. Zum Glück konnten Mutter und ich in eine Wohnung im zweiten Stock ziehen, denn wir hatten den Schlüssel von den Inhabern, die zur Zeit in Köln waren und auch nicht mehr wiederkamen. So hatten wir Glück im Unglück. Mein Vater war in Russland und wusste von alledem nichts. Ein Weihnachtsfest fiel natürlich aus, doch das Leben musste weiter gehen und zur seelischen Ruhe kamen wir ohnehin nicht.

Übrigens hatte ich vier Wochen zuvor ein anderes Bombenkriegs-Erlebnis: Wir Pimpfe wurden auch besonders eingesetzt und mussten abwechselnd zu einer Einsatzleitstelle, die jeden Abend zu besetzen war. Sie befand sich im PRÄLATEN in der Hauptstraße, wo wir auf den Befehl zum Einsatz warteten, der stets während eines Angriffs kam. So auch in jener Nacht, als die Bomben fielen und wir zusammen mit älteren Kameraden der HJ hinausgejagt wurden. In der Golzstraße sollte viel los sein. So rannten wir durch den Feuersturm, der bei jedem Angriff durch die Straßen fegte, und der diesen unsäglichen Brandgeruch hatte, den man noch lange Zeit spüren konnte. Er erforderte die Feuerschutzbrille, um Ruß und Hitze abzuwehren. Als wir an der Ecke Pallasstraße ankamen, sahen wir Hausbewohner, die in ein Haus rein- und rausrannten, um Sachen zu retten. Jemand schrie, dass noch welche oben seien. Wir waren zu dritt, die über die verqualmte Treppe rasten. Irgendwelche Balken lagen herum, und es stürzten andere Dinge herunter.

Es war tatsächlich so, dass eine Familie zu viert mit einer alten Frau, die nicht laufen konnte und nie in den Luftschutzkeller ging, oben geblieben war. Sie wollten ihre Oma nicht allein lassen, die sie auch nicht tragen konnten in dem ganzen Chaos, zumal noch ein Kind dabei war. Ich weiß noch, dass die Stubendecke halb heruntergekommen war, und das Feuer durchloderte. Wenn ich das jetzt so schreibe, ist die Erinnerung daran noch ganz frisch, als ob es noch vor kurzer Zeit passiert wäre. Es wird mich das ganze Leben lang nicht loslassen. Wie wir es aber angestellt hatten, diese Leute herauszuzerren, sie die Treppe runterzubringen, kann ich nicht mehr beschreiben. Ich habe als Andenken eine Narbe von einem Phosphorspritzer am Arm. Jedenfalls war das meine erste Lebensrettung, auf die ich heute noch stolz bin. Als ich später einen Sonderurlaub von der Seeberufsfachschule bekam, um in Berlin das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern zu erhalten, war das der erste Orden meines Lebens, eigentlich der einzige richtige, an den nicht einmal das Bundesverdienstkreuz heranreicht, welches mir Jahrzehnte danach angeheftet wurde.

Die Tage und Nächte im Bombenkeller waren nicht nur für uns als Zivilbevölkerung schlimme Kriegserlebnisse. Auch Frontsoldaten, die auf Urlaub waren und unten hilflos hocken mussten, bestätigten das. Auch mein Vater, der es einmal erlebte, war völlig mit den Nerven am Ende, als ein Angriff vorüber war und die Entwarnung durch die Sirenen erfolgte. Ich bin heute noch allergisch gegen jegliche Knallerei. Besonders das Sylvesterballern regt mich auf, welche mystischen Symbole auch dahinter stecken mögen. Wie ich einmal gelesen habe, sollen die Amerikaner allein über zwei Millionen Tonnen von Bomben auf Deutschland abgeworfen haben! Was meine Generation - wenn sie in den betreffenden Städten lebte - im Kindes- und Jugendalter erdulden musste und so brutal in den Krieg hinein gerissen wurde, kann kaum jemand analysieren. Ob es psychologisch ausgebildete Fachleute können? Ich bezweifle es.

Der Übergang von Kindheit zur Jugendzeit war eigentlich keiner. Durch diese Ereignisse wurde er verwischt, und die "Jugend" fand nicht statt. Der Krieg war für mich noch nicht zu Ende.

08.03.2013 в 07:54
Поделиться:


© 2011-2019, Memuarist.com
Rechtliche Information
Bedingungen für die Verbreitung von Reklame
Ereignisse