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Weihnachten in russischer Kriegsgefangenschaft

25.12.1945
Borowitschi, Novgorod, Russland

Im Mai 1945 kam ich in ein Kriegsgefangenenlager in der russischen Industriestadt Borowitschi. Schon im Oktober ging es dort mit Schnee und Eis los. Als erstes überraschte uns ein plötzlich auftretendes Glatteis. Der Regen gefror, und wir konnten kaum den Heimweg antreten. Als wir dann vom Kombinat dem Lager entgegenziehen wollten, kamen wir mit unseren "Schuhen" kaum von der Stelle. Die Russen hatten in solchen Fällen aber schon Erfahrung. Wir gingen immer in Fünferreihen, weil auf diese Weise alles besser kontrollierbar war, vor allen Dingen bei den Zählungen. Jede Fünferreihe musste sich nun untereinander einhaken und schon fielen wir nicht mehr um und kamen sogar gut vorwärts. Zwar etwas langsamer, aber unbeschädigt.

Es wurde kälter und der Schnee höher. 20 Grad minus war mittlere Temperatur. Nun muss ich auch erwähnen, dass wir zeitig genug winterlich eingekleidet worden waren. Wir bekamen gesteppte Wattejacken, auch die entsprechenden Hosen und Wintermützen mit herunter klappbaren Ohrwärmern, die man unter dem Kinn zusammenbinden konnte. Mit dieser Winterausrüstung brauchten wir nicht zu frieren. Wenn es noch kälter wurde, konnten wir noch zusätzlich unseren Militär-Wintermantel anziehen. Nur mit den Schuhen haperte es. Sie hatten Holzsohlen und waren dadurch sehr unbeweglich. Diese Holzsohlen hatten wir mit Blechstollen versehen, so dass wir uns bei Glätte besser bewegen konnten und auch Halt hatten. Wenn der Winter uns mit Dauerfrost befiel, bekamen wir sogar Filzstiefel, und dann hatten wir auch keine kalten Füße mehr. Aber so weit war es noch nicht. Wir hatten ja keine Strümpfe; sondern nur Fußlappen, die sowieso immer nass waren. Übrigens: Warme Fausthandschuhe hatten wir auch.


Jetzt kam aber erst einmal das Weihnachtsfest auf uns zu. Der Winter stabilisierte sich, der Frost wurde beständiger und wir hatten uns schon daran gewöhnt. Die Arbeit im Kombinat hatte uns voll im Griff. Im ersten Jahr hatten wir eine volle Siebentagewoche, d. h. auch der Sonntag war ein normaler Arbeitstag. Frei hatten wir nur an den russischen Staatsfeiertagen und am ersten Weihnachtstag. 1946 hatten wir dann auch an den Sonntagen unseren freien Tag.

Unter diesen Voraussetzungen lagen wir an den Abenden auf den Pritschen, hatten Hunger und grübelten. Das Weihnachtsfest hatte so langsam Besitz von uns ergriffen. Unsere Gedanken schwebten zu unserer Kindheit zurück. Den ersten Adventssonntag hatten wir hinter uns gebracht ohne etwas davon gemerkt zu haben. So hatten wir noch gut drei Wochen bis zum Fest. Im Mai hatte man uns zwar noch versprochen, dass wir zum Weihnachtsfest wieder bei unseren Familien sein würden. Aber der kleine Offizier im großen Lager hat es wohl nicht besser gewusst. Wir scheuten es, uns untereinander über Weihnachten zu unterhalten. Jetzt merkten wir erst, wie tief das Weihnachtsfest in uns verwurzelt war.

Nun war der Heilige Abend da. Wir hatten den Tag ganz normal verbracht und trabten tief in Gedanken versunken zum Lager zurück. Nun muss auch gesagt werden, dass in Rußland das Weihnachtsfest des alten Kalenders wegen erst im Januar gefeiert wird. Die Abendsuppe hatten wir hinter uns, und alles nahm seinen normalen Ablauf. Doch plötzlich kam ein Landser mit einer Geige in die Baracke und spielte Weihnachtslieder. Als erstes spielte er das Lied "Stille Nacht". Es wurde plötzlich mucksmäuschenstill und es war doch noch Weihnachten geworden. Ein jeder hing seinen Gedanken nach, und wir verfielen in einen Wachtraum. Es folgten noch mehrere Weihnachtslieder aus unserer Kindheit. Es flossen sehr viele Tränen. Wie in einem Rausch verging die Weihnachtsstunde .

Einige Musiker unseres Lagers hatten sich aufgemacht, um mit ihren Instrumenten für ein bisschen Weihnachten zu sorgen. Als der Geigenspieler die Baracke verließ, herrschte noch lange Ruhe. Wir schliefen übergangslos ein und hatten eine Nacht voller Träume. Wir erwachten am ersten Feiertag und hatten frei. Unsere Gedanken waren noch den ganzen Tag mit dem Weihnachtsfest beschäftigt. Sie kamen erst zur Ruhe, als am nächsten Tag die Arbeit uns wieder voll im Griff hatte.

Einige Tage später fing dann das neue Jahr an. In der Sylvesternacht sind wir dann bis 24 Uhr aufgeblieben und wünschten uns gegenseitig alles Gute und eine Heimkehr noch im Jahre 1946. Ein Jahr später wussten wir, dass auch dies ein Wunschtraum gewesen war, denn ich kehrte erst im Mai 1948 nach Hause zurück. Gott sei Dank hatten wir nur einmal im Jahr Weihnachten und Neujahr. Dies alles hat sich dermaßen stark eingeprägt, dass es mir heute noch nicht gelingt, das Lied "Stille Nacht" zu singen, weil mir die Stimme dabei versagt.

04.03.2013 в 14:17


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