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Post aus russischer Kriegsgefangenschaft

15.10.1945
Borowitschi, Novgorod, Russland

Im Mai 1945 kam ich in ein Kriegsgefangenenlager in der russischen Industriestadt Borowitschi. Während der Gefangennahme in Ostpreußen im März 1945 waren wir restlos gefilzt worden. Kurz gesagt: Wir hatten gar nichts mehr. Wir konnten nicht einmal unsere Namen nachweisen. Aber jetzt, etwa ein halbes Jahr später, hatten wir wieder Besitztümer. Im Lager hatte sich so etwas wie ein Schwarzmarkt gebildet. Alle Arbeitsbrigaden, die schon lange in Arbeitskommandos außerhalb des Lagers eingesetzt waren, hatten die Möglichkeit, bestimmte Dinge einzuschmuggeln und im Lager anzubieten. Somit hatte ich auch mittlerweile wieder eine Brieftasche - zwar aus Pappe, aber man konnte wenigstens einige persönliche Dinge mit sich herumtragen. Im Laufe der Zeit hatte ich auch wieder Bleistifte und Buntstifte. Auch ein Federhalter mit einigen spitzen Federn war wieder mein Eigentum.

Wir hatten schon immer mal nachgefragt, wie das mit der Kartenschreiberei nach Hause wäre. Die Antwort aber war, dass das Postwesen in Deutschland total am Boden läge und wir eher zu Hause seien als die jetzt geschriebenen Briefe. Das war keineswegs erfreulich, aber das Versprechen einer baldigen Heimkehr wirkte doch sehr beruhigend. Es war Oktober 1945, und die Kälte kroch schon über die Landschaft. Plötzlich kam ein Propagandist mit lauter Kriegsgefangenen-Postkarten vom Roten Kreuz und tat uns kund, dass nun jeder eine Karte nach Hause schreiben könne. Die Hauptsache war, dass wir eine Nachricht loslassen konnten. Da ich weder Frau noch Kinder hatte, war das Problem für mich nicht so groß. Ich schrieb, dass ich in russischer Gefangenschaft, gesund und munter sei und noch genau so aussähe, wie meine Eltern mich zuletzt gesehen hätten. Damit hatte ich meinen Eltern mitgeteilt, dass ich noch gesund und vor allen Dingen unverletzt und heile geblieben war. Wir hofften jetzt nur noch, dass die Karten auch zu Hause ankamen. Jetzt ging die Warterei los, denn auch wir wussten nicht, wie unsere Angehörigen die Wirren des Krieges überstanden hatten.

Im Lager hatten wir auch eine Offiziersbaracke. Es waren dort alles Stabsoffiziere, die nicht zu arbeiten brauchten. Trotzdem meldeten sich einige, die nicht "vergammeln" wollten, zur Arbeit, blieben aber innerhalb des Lagers. Mit einigen nahm ich Kontakt auf und brachte in Erfahrung, dass ein Major einen Wasserfarbmalkasten hatte. Den musste ich haben! Sofort nahm ich Verhandlungen auf. Ich habe ihn dazu gebracht, den Kasten zu verkaufen. Die Preisverhandlungen waren noch schwierig. Geld hatten wir ja noch nicht, also: Nur Ware gegen Ware!

Da ich nichts anderes hatte als Brot, musste nur noch die Menge geklärt werden. Der Malkasten war in Ordnung. Es waren Wasserfarben in zwei langen Reihen und zwei Pinsel. Ich war ganz versessen auf das Ding. Wir einigten uns auf 1.200g Brot - das waren zwei Tagesrationen - zahlbar in zwei Raten. Er bekam die ersten 600g und ich seinen Malkasten. Da ich ja auch wieder etwas essen musste, bekam er die zweite Rate zwei Tage später.

Jetzt waren meine Malutensilien komplett: Bleistifte, Farbstifte, Federhalter mit guten Federn und jetzt auch noch der Malkasten! Nun fragt man sich: Wolässt man eigentlich diese Sachen? Da es in unserem Lager sehr viele Arbeitsbrigaden gab, die auf allen möglichen Gebieten eingesetzt waren, kam man immer mit viel Geduld an Gegenstände, die man benötigte. Eines Tages hatte ich dann auch einen Leinenbeutel, flach gearbeitet, der alle meine Sachen aufnahm. Über unseren Köpfen hatte bald jeder ein kleines Regalbrettchen, auf dem unsere Privatsachen abgelegt waren, die wir im Arbeitseinsatz nicht brauchten. Eigenartigerweise wurden solche privaten Dinge auch nicht gestohlen. Bei russischen "Filzungen", die dann und wann stattfanden, wurden diese Regalbretter auch durchsucht, es ist aber auch dabei nichts abhanden gekommen. Übrigens: Diebstahl wurde von uns, aber auch von den Russen, schwer geahndet.

Als Erstes habe ich ein Selbstbildnis vor einem Spiegel gezeichnet. Es war sehr gut geworden, meinte ich. Ich habe mir sogar ein rotkariertes Hemd gemalt und eine schöne Jacke. Der kahle Kopf wurde mit einer schönen Schirmmütze verdeckt.

Dies war eine gut gelungene "Werbeschau". Diese Bildermalerei sprach sich herum, und auch aus anderen Baracken kamen Landser und wollten sich malen lassen. Da die Sommerabende lang waren, kamen manchmal zwei Bilder zusammen. Ein Bild gab es für 200g Brot. Da die Bilder farbig waren, und ich die Gezeichneten mit guter Kleidung versehen hatte, waren sie auch begehrt. Sogar mit den Stabsoffizieren aus der Offiziersbaracke hatte ich Termine. Am besten war es, wenn jemand mit Brille und Bart erschien. Dann war alles viel einfacher.

Ich musste mir ja auch das Papier für die Bilder besorgen! Ein Arbeitskommando arbeitete in einer Papierfabrik - oder war es gar eine Druckerei? - ich weiß es nicht mehr genau. Bei diesem Kommando "besorgte" ich mir Zeichenpapier. Es war gutes, starkes, weißes Papier. Dafür musste ich Brot oder Zucker opfern, was ich wiederum durch Schwarzarbeit im Kombinat erworben hatte. Die ganze Wirtschaft drehte sich im Kreis!

Die Postkarten, die wir im Oktober heimgeschickt hatten, waren zur Weihnachtszeit angekommen, und eine Woche vor Ostern erreichten uns die Rückantworten. Da wir nun wussten, dass die Post funktionierte, wollten viele Gefangene ein Bild von sich an ihre Angehörigen schicken. Unsere Postkarten vom Roten Kreuz waren Faltkarten mit einem Rückantwortschreiben. Die Bilder klebten wir in die Faltkarten ein, und sie erreichten tatsächlich unsere Familien.

04.03.2013 в 09:01


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