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Meine Lehrjahre

18.07.1960
Berlin, Deutschland, Deutschland

Die Wahl des Berufes stand in der letzten Klasse der Oberschule mit im Vordergrund. Wir übten, Bewerbungen zu schreiben, und besuchten die Berufsberatung im Rathaus [Berlin-]Neukölln.
Jugendfreunde, die den „Praktischen Zweig“ [der Oberschule] abgeschlossen hatten, erlernten meist Handwerksberufe und wurden Bäcker, Drucker, Maurer oder Klempner. Die Industrie stellte jedoch höhere Ansprüche und führte zusätzlich Einstellungstests durch. Ich begann gleich nach der Oberschule zusammen mit zwei Klassenkameraden eine Schlosserlehre bei der Berliner Maschinenbau AG in Reinickendorf. Die Lehrlinge meines Jahrgangs kamen fast durchweg vom „Technischen Zweig“, zwei hatten sogar Abitur. Unvergesslich bleibt mir der erste Tag dieses neuen Lebensabschnitts, mit dem die große persönliche Freiheit, die die Schulzeit mir als nicht besonders strebsamen Schüler geboten hatte, abrupt endete. Um 5 Uhr nachmittags war endlich Feierabend, und als ich im Licht der untergehenden Sonne die Straße entlang zum U-Bahnhof trottete, war ich so unglücklich, dass ich weinen musste.
Die 3 ½ Jahre der Lehrzeit zogen sich fast endlos hin. Jeden Morgen um 6 Uhr grüßte mich am Hermannplatz vom Dach eines Hauses herunter in Leuchtschrift die Zigarettenreklame „Aus gutem Grund ist Juno rund“. Mit der U-Bahn fuhr ich in Richtung Tegel bis zum Bahnhof Reinickendorfer Straße. Von dort aus hatte ich dann noch ein erhebliches Stück zu Fuß zu bewältigen, so dass ich es mit Ach und Krach schaffte, rechtzeitig zu stempeln. Zurück kam ich abends um 6 Uhr, wobei ich immer vom Zug absprang, wenn er noch recht schnell fuhr (die Türen konnte man noch von Hand öffnen).

Das monatliche Lehrlingsgehalt betrug anfänglich 60,- DM und stieg bis auf 120,- DM im vierten Lehrjahr. Davon gestand mir meine Mutter ein monatliches Taschengeld von zuletzt 12,- DM zu. Mein Bedarf war leider ungleich höher, zumal ich schon in der Schule mit Rauchen angefangen hatte. Aufbessern konnte ich das knappe Geld jedoch erst, nachdem wir nur noch jeden zweiten Sonnabend arbeiten mussten und ab 1961 jeden Sonnabend frei hatten. Von einem „Sklavenhändler“ ließ ich mir dann eine Arbeit auf einer Verladestation am Gleisdreieck vermitteln, wo man abends das verdiente Geld bar auf die Hand bekam. Aufgrund meiner Statur hatte ich dort bald einen festen Platz auf der Freirampe, wo schwere und sperrige Stücke in die Waggons bugsiert wurden. Das war einerseits ganz angenehm, weil man nicht wie die anderen kilometerweit mit der Karre durch die Lagerhalle rennen musste. Andererseits war ich immer todmüde, wenn ich abends mit der U-Bahn nach Hause fuhr.

28.02.2013 в 10:08


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