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Kriegsende und Heimkehr 1945

01.05.1945 – 30.06.1945
Berlin, Deutschland, Deutschland

Rotarmistin regelt den Verkehr vor dem Brandenburger Tor Berlin, Juni 1945

Im Frühjahr 1945 fand ich mich in einem zusammengewürfelten Haufen von Wehrmachtssoldaten wieder, der keine Beziehung zum Kämpfen hatte, zu Fuß und auf verschiedenen Fahrzeugen, ging es immer nur weiter von Iserlohn nach Norden. Die Waffen hatten wir schon längst weggeschmissen, nur einige trugen noch Pistolen. Ich hatte eine Pistole von einem Zivilisten bekommen, eine kleine 6,35 mm mit einem vollen Magazin. Wir verpflegten uns bei Bauern, die uns gut versorgten aber auch schnellstens wieder loswerden wollten. Schließlich fand ich mich mit einigen anderen auf dem flachen Anhänger eines Treckers wieder, und es kam wie es kommen musste. Eine englische Einheit stoppte uns. Ich konnte gerade noch die Pistole wegwerfen. Mit uns war jemand, der eine Ziviljacke anhatte aber eine Uniformhose mit roten Binsen trug. Also war es ein Generalstabsoffizier. In der allgemeinen Angst bei der Festnahme wandte er sich ausgerechnet an mich den Jüngsten und flehte: "Kamerad, schütze mich!" Das kann ich nicht vergessen. Ein bisher für mich höherstehendes Wesen, nun genauso hilflos und schutzbedürftig wie alle anderen, zum normalen Menschen degradiert! Seither habe ich vor niemanden mehr Respekt, wenn auch eine gewisse Kleidung diesen erheischen mag, ebenso wenig vor Titeln. Nur ein Mensch mit charakterlichen Qualitäten hat meine Hochachtung. Ich kann sagen, dass ich in meinem späteren Umfeld viele derartige gute Leute gefunden habe.

Nach einem langen Marsch kamen wir in ein Lager, das nur aus einer großen Wiese mit einigen Zelten bestand. Wir wurden vernommen, wobei mir zunächst niemand mein Alter glaubte. Von einer Seeberufsfachschule hatten die Tommys noch nie gehört, so dass ich natürlich für sie ein Marinesoldat war. Drei Tage lang musste ich ausharren. Es gab einmal Suppe am Tag, welche in Kesseln hingestellt wurde und auf die wir uns ausgehungert stürzten. Einmal schlugen uns die Bewacher mit Gewehrkolben und warfen den Kessel um, nicht ohne uns zu beschimpfen, dass wir "damned Nazis" seien. Leider war das meine erste Erfahrung mit den westlichen Alliierten, und ich habe lange Zeit gebraucht, um das zu verdauen. Nach einer weiteren Vernehmung durch einen Offizier, der mir meine Geschichte abnahm, wurde mir ein Entlassungspapier ausgehändigt auf dem vermerkt war, dass ich nach Kassel zu gehen hätte. Nach Berlin durfte ich nicht, da dort die Russen waren. Ich hatte wohlweislich angegeben, dass ich zu meine Verwandten nach Kassel wollte.

Nun war der Krieg zu Ende, den ich mit zehn bis vierzehn Jahren im Bombenkeller und mit fünfzehn Jahren als Soldat an der Front erlebt hatte. Doch ich war ja nicht der einzige dieser verlorenen Generation, dem die Kindheit und Jugendzeit derartig gestohlen wurde. Viele sind daran zerbrochen. Hatte ich nur Glück, dass ich mich in eine bessere Zukunft retten konnte? Wer weiß. Fest steht, dass mir meine Eltern durch großes Verständnis Halt und Hilfe gaben. Und zu den Eltern wollte ich mich jetzt durchschlagen.

Nun begann eine mehrwöchige Wanderschaft, die nur ein Ziel hatte und in eine Richtung führte: Nach Berlin. Ich lief und lief, ließ mich, wo es nur ging, auch mit Fahrzeugen mitnehmen. Da der Krieg zu Ende war, zeigten sich die Leute hilfsbereit, überall wo ich hinkam. Ich übernachtete immer auf Bauernhöfen, bis ich unterhalb Kassels angelangt war. Dann hatte ich Angst, wieder aufgegriffen zu werden, mit dem falschen Ziel in der Tasche. Also blieb ich tagsüber bei den Bauern und wanderte nachts. Einmal hatte ich in Thüringen eine längere Pause - es müssen wohl drei Wochen gewesen sein - und erlebte etwas, was erstmalig war: Eine Frau verführte mich... Doch darüber mehr in einem folgenden Kapitel.

Dann kam noch einmal Todesangst auf. Mit zwei jungen Landsern, die ich traf und die auch auf dem Wege in die Nähe von Berlin waren, wollten wir eines frühen Morgens gegen 0,05 Uhr die Mulde bei Brambach-Aaken überqueren. Wir fanden ein kleines Boot und paddelten mit Händen und Zweigen ans andere Ufer. Als wir ankamen, tauchten sie auf - die Russen natürlich. Wir hatten ja die amerikanische Zone verlassen. "Stoi!" hieß es, und wir hoben die Arme. Einer richtete seine Maschinenpistole auf mich: "Du SS!" Na klar, er sah meine dunkelblaue verdreckte Marineuniform, die ich anhatte und ihm als schwarz erschien. Was ich in meiner seelischen Verfassung alles sagte, keine Erinnerung mehr. Jedenfalls hätte der Kerl um ein Haar geschossen. Die Umstehenden waren damit anscheinend einverstanden. In letzter Sekunde erschien ein Offizier - es muss ein Unterleutnant gewesen sein - der ein wenig Deutsch radebrechte. Zumindest verstand er, dass ich bei der Marine gewesen war. Er verlangte, dass ich ihm die Arme zeigte. Da ich keine Blutgruppen-Tätowiererung auf der Haut unter der Achsel hatte, wie alle SS-Leute, war ich gerettet. Er wurde noch stutzig, als er die Stelle auf dem linken Collani-Ärmel sah, wo noch die Umrisse des aufgenähten Hoheitsadlers zu sehen waren, den ich schon längst abgetrennt hatte. Ich bedeutete ihm, dass dieses Abzeichen bei der SS auf der Brust zu sein habe. Dann schien er endlich überzeugt. Ich erhielt ein Stück Packpapier, auf dem schnell hingekritzelt, etwas in kyrillischen Buchstaben stand. Noch ein Tritt in den Hintern, und ich war frei! Die beiden anderen mussten bleiben, wer weiß, was aus ihnen geworden ist. Mich hatte vermutlich nur mein jugendliches Alter gerettet. Weiter ging es nach Berlin, nun am Tage. Ich vertraute auf mein "Dokument". Die letzten Kilometer benutzte ich auch einen Vorortzug, der erstaunlicherweise fuhr.

Diese Wanderschaft durch halb Deutschland war zwar eine besondere Leistung, wenn man es heute betrachtet, doch es kam mir überhaupt nicht so vor. Ich wollte nur eines - nach Hause! Den Menschen auf den Bauernhöfen bin ich sehr dankbar, wie sie mir geholfen hatten. Ich konnte dort schlafen, mich waschen, bekam zu essen und wurde ausgestattet mit belegten Broten, die in Päckchen aufgeteilt, ich mir mit Bindfäden an den Körper gehängt hatte und meine Wegzehrung darstellte.

Meine ganze Sorge war, wie es meiner Mutter ergangen war und ob sie überhaupt noch lebte. Ich wusste ja bereits, dass die Russen furchtbar gewütet und alle Frauen, ob alt oder jung, vergewaltigt hatten, wenn sie ihrer habhaft wurden. So erreichte ich unser Haus, nicht ohne vorher bei der Milchfrau an der Ecke, deren Laden noch bestand, nachgefragt zu haben. Sie beruhigte mich und erzählte, dass meine Mutter alles gut überstanden hätte, man keine Angst mehr vor den Russen zu haben brauche und mein Vater noch nicht da sei. Da meine Mutter nicht zu Hause war, wartete ich im Laden auf ihre Rückkehr. Das Wiedersehen muss ich nicht beschreiben. Sie wusste ja bis dahin auch nichts über mein Schicksal.


Auf dem Fußweg durch Berlin, von der Stadtgrenze nach Schöneberg, fielen mir die "Flintenweiber" auf. Russische Soldatinnen in Röcken und Stiefeln, die überall an den Ecken und Kreuzungen standen und den Straßenverkehr, soweit der überhaupt stattfand, mit Fähnchen regelten. Was für ein Anblick. Ich war entsetzt. Frauen als Soldaten! Sie hatten sogar Maschinenpistolen umgehängt. Es war für mich unsäglich. Und - ich gestehe es: Bis heute halte ich es für unerträglich, wenn Frauen militärische Uniformen tragen bzw. beim Militär sind. Im Endeffekt bedeutet Militär Krieg. Wer diesen erlebt hat mit seinen Greueln, in seinem absoluten Wahnsinn, mit dem unbeschreiblichen Elend für die Menschen, der ist überzeugt - niemals wieder! Ich habe auf meinen Reisen viele Menschen kennengelernt, verschiedener Rassen und Nationalitäten. Niemand, und nicht ein einziger, hat mir jemals gesagt, dass er Krieg wolle. Was kommt denn auch am Ende dabei heraus? Außer Orden, Anerkennung für Generäle, die meistens sicher geschützt waren, während andere verreckten und verkrüppelten, leiden nur alle - Besiegte und auch Sieger. Ein Krieg kann gar nicht so wichtig sein, dass er geführt werden muss. Wäre es nicht schön, wenn niemand hingehen würde zum Krieg, den irgendwelche Politiker durch irgendwelche Gründe auslösen, wie es ein bekannter Schriftsteller einmal formuliert hat? Den Ausspruch: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin", finde ich so gut, dass er in jedem Land der Erde jeden Tag in die Köpfe der Menschen gehämmert werden sollte. Leider ist dem nicht so. Und - ich gebe es zu, manchmal sind Konflikte derart schwierig, dass niemand eine menschenwürdige Lösung finden kann. Ich schreibe das besonders unter dem Eindruck des jüngsten Terrorismus! Dennoch, ich bleibe dabei - Krieg ist mir so verhasst, dass ich verzweifelt bin, wenn er anscheinend nicht auf unserem Planeten auszurotten ist. Kann es aber vielleicht auch sein, dass es eine biologische Maßnahme der Natur ist, dass sich Menschen gegenseitig umbringen müssen? Wir essen uns ja als notwendige Nahrungsaufnahme nicht auf, wie es Tiere tun müssen. So muss wohl für einen Ausgleich gesorgt werden, den wir nicht steuern können...

Und nun, um auf die erwähnten Soldatinnen zurückzukommen, ist seit dem Jahr 2001 auch in Deutschland die Bundeswehr offen für Frauen zum "Kampfeinsatz". Ich halte das für eine Perversion. Was hat es mit Gleichberechtigung zu tun, wenn Frauen daran denken, im Falle eines Krieges töten zu wollen. Ist es nicht schlimm genug, wenn Männer es tun (müssen)? Muss die Frau wirklich so unweiblich werden? Schließlich ist sie es, die Leben schenkt, nur sie allein. Sie ist eine Mutter, die um das Leben ihres Kindes bangt. Es ist Blasphemie, sich eine Frau im mörderischen Krieg als Soldatin im Kampf vorzustellen. Meine eigenen Kriegserlebnisse reichen völlig aus um festzustellen, dass jeder Krieg ein Verbrechen ist. Jeder Mann, der daran teilnimmt, ist zuviel. Und nun wollen diese verblendeten Mädchen auch mitmachen. Nein und abermals nein - ich glaube an natürliche biologische Unterschiede und ich versuche sie einzuhalten, zum Wohle beider Geschlechter, die sich bisher so gut ergänzt haben. Ich helfe einer Frau in den Mantel und halte ihr die Tür auf. Ist das nun falsch im Namen der Gleichberechtigung? Im übrigen machen sich diese Soldatinnen anscheinend keine Gedanken, wie denn der wirkliche Ernstfall tatsächlich aussehen könnte. Und niemand sagt es ihnen. Die Teilnahme an der Bundeswehr dürfte für sie ja nur ein Mittel sein, um in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Als ob es anders und besser nicht auch ginge. Allerdings gilt das für die männlichen Freiwilligen ganz genauso.

08.03.2013 в 23:43


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