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Der 1. Mai 1946 in russischer Kriegsgefangenschaft

01.05.1946
Borowitschi, Novgorod, Russland

Wie früher bei uns in Deutschland, so war auch in Russland, wo ich in einem Kriegsgefangenenlager in Borowitschi war, der 1. Mai ein historisch wichtiger Tag. Es war der Tag der Arbeit. Dieser Tag kam nun auf uns zu und hatte eine ganz andere Prägung als wir gewohnt waren. Hier ging es um die sozialistische Arbeit. Alles, was in Russland geschah, war sozialistisch.


Wir Arbeitsbrigaden wurden aufgefordert, den 1. Mai entsprechend vorzubereiten. Da wir nicht wussten, in welcher Weise, wurde es uns von den Propagandisten erklärt: Für den sozialistischen Wohlstand, der für jeden Werktätigen das höchste Ziel war, musste man sich gegenseitig anspornen und zum Arbeitswettbewerb aufrufen. So sollten wir das auch machen. Wir bekamen Pappschilder von der Antifa und sollten sie mit Parolen versehen. Nun ging es los. Ratschläge für die Parolen bekamen wir von den Propagandisten. Zum Schluss hatten wir folgenden Text auf unserer Pappe stehen: "Wir, die Brigade Mechaniski-Masterskaja, fordern die Brigade Elektro-Montage zum sozialistischen Arbeitswettbewerb auf, und verpflichten uns, für das nächste Jahr unsere Leistung von 125 % auf 140 % zu bringen!"

So ungefähr sahen dann zum Schluss alle Plakate aus, die die Brigaden vor sich her trugen. Es fand nämlich am Vormittag rund um die Baracken im Lager ein Mai-Umzug statt. Nun muss man sich vorstellen, dass all das sich hinter mehreren Stacheldrahtzonen abspielte. Für einen mitteleuropäischen Normalbeobachter hätte es ausgesehen, als feierte man den Geburtstag der Leiterin eines Kindergartens.

Wir mussten diese Angelegenheit natürlich sehr ernst nehmen und staksten mit den Schildern in den Händen, Kampflieder singend, dem Roten Stern entgegen (Der rote Stern war der politisch Zentralpunkt des Lagers). Als alles aufmarschiert war, begann der Festakt: Eine Rede des russischen Kommandanten, der zuvor mit viel Getue von einem Propagandisten angekündigt wurde, mussten wir über uns ergehen lassen. Da wir im Lager mehrere Nationen waren (Deutsche, Ungarn, Rumänen und auch Bulgaren), wurde jeder Abschnitt der Rede mehrere Male übersetzt. Am Ende der Veranstaltung kam dann die sowjetische Nationalhymne. Die Brigaden lösten sich auf, und wir strebten in unsere Baracken. Es gab Mittagessen, und wir ließen den Tag ausklingen. Die zweite Veranstaltung dieser Art war die Feier der Oktoberrevolution. Es spielte sich alles genau so ab. Gott sei Dank ohne Transparente.

05.03.2013 в 00:50


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