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Gedanken über das Dritte Reich

03.04.1940
Berlin, Deutschland, Deutschland

Es begann mit der Szene auf dem Schöneberger Ebersmarkt. Ich war das erste Mal in Uniform im Dienst der Hitlerjugend. Damit bin ich beim Dritten Reich angekommen. Was schon wussten wir in diesem Alter darüber? Sicher, wir gingen zur Schule und lernten. Soviel ich weiß, was alle Schüler in der Welt zu lernen pflegen: Schreiben, Rechnen, Lesen, Erdkunde und so weiter. Doch da war noch etwas: Rassenkunde hieß es und war in den Biologieunterricht eingebaut. Das gab uns überhaupt nicht zu denken, wie auch in diesem Alter. Wir hörten etwas über die nordisch-arische Rasse, der wir angeblich alle angehören sollten. Wir wurden mit einer Schublehre vermessen, wodurch man die Gesichtsform analysierte, und andere Rassen sollten irgendwie minderwertiger als wir sein. Nun, da war man ja richtig stolz.

Selbstverständlich lernten wir über unseren "Führer", dass er irgendwann beschlossen habe, ein Politiker zu werden und dass er ein tapferer Soldat im Weltkrieg gewesen sei, der das EK 1 bekommen habe und einen wahren Halbgott darstelle. Ich erspare mir heute, mehr darüber zu schreiben, nur eines: Wir glaubten an diese hehre Gestalt, der Deutschland aus den Klauen der Feinde und des Versailler Vertrags zu befreien gedachte. Was sollte daran falsch sein? Was wir kaum zur Kenntnis nahmen, bzw. gar nicht, war ein Mitschüler, der in der Klasse nicht weiter auffiel. Er hieß Egon Zwirn - ich habe diesen Namen nie vergessen. Er war ein aufgeschossener schlaksiger Junge, ziemlich intelligent und bei uns Klassenkameraden ganz gut gelitten. Eines Tages erschien er mit dem berüchtigten Davidsstern auf der Jacke. Niemand von uns damals Elfjährigen dachte sich etwas dabei. Es wurde darüber nicht gesprochen, auch die Lehrer erwähnten, so weit kann ich mich erinnern, kein Wort darüber. Es änderte sich nichts am Unterricht, an dem er wie wir anderen teilnahm. Kurze Zeit danach kam er nicht mehr. Auch das berührte uns nicht sonderlich. Eigentlich unbegreiflich, doch es war so, und ich kann mir heute keinen Reim darauf machen, warum wir das negierten.

Das Dritte Reich: Obwohl mir die Eltern die HJ-Uniform zum Geburtstag auf den Gabentisch gelegt hatten, hatte ich nie den Eindruck, dass sie dem Nationalsozialismus und dem geliebten Führer ergeben waren. Es wurde kaum über das alles gesprochen. Sie hatten sich anscheinend angepasst, wie Millionen anderer auch. Was sollten sie auch tun? Wer diese Zeiten nicht wirklich miterlebt hat, sollte sich eines Urteils über die Verhaltensweise des normalen und biederen Bürgers - damals "Volksgenosse" genannt - tunlichst enthalten! Denn was hätten diese Kritiker wohl anderes getan?

Meine Eltern hatten ihre ganz persönlichen Sorgen. Sie mussten das Geschäft aufrechterhalten, sie hatten mich zu versorgen. Weder waren sie in der Partei, noch sympathisierten sie mit dem System. Hinzu kam, dass die Kriegs- und Nachkriegsjahre äußerst schwer gewesen waren und nun alle Kraft auf die Gestaltung eines besseren persönlichen Daseins aufgewendet werden musste. In gewissem Sinne bot der Staat die Grundlage. Es hungerte niemand mehr und es gab Arbeit. Übrigens - ist das nicht eine Parallele zur jüngsten Zeit? Als ich nach dem Krieg mit ihnen über diese Vergangenheit sprach, verneinten sie jede Kenntnis der Konzentrationslager. Was sie wussten oder nicht, kann ich nicht beurteilen, ich habe ihnen geglaubt und tue dies auch heute noch.

Zum fünfzigsten Geburtstag Hitlers hatten sie das Geschäft mit Fähnchen und Wimpeln, sowie einem Foto des Führers ausgeschmückt. Natürlich, es war ja so vorgeschrieben, und sie hätten sich nicht weigern dürfen. Wer in einer Diktatur leben muss und sich dagegen wehren will, muss schon ein Held sein. Wer will das schon? Ich bin überzeugt, diese vielen Millionen "Volksgenossen", eben die ganz normalen Bürger, Fanatiker ausgeschlossen, sind schuldlos an den Verbrechen, die im Namen des Volkes begangen wurden. Leider gibt es immer Menschen, die aus eigennützigen Gründen, auch aus Minderwertigkeitskomplexen herrührend, sich einem totalem und menschenverachtendem System anschließen und anderen Mitmenschen schaden. Es liegt in der Natur des Menschen und ist nicht zu beseitigen. Was heißt auch Schuld? In der gesamten Menschheitsgeschichte wird immer im Nachhinein über Leute geurteilt, die schuld an diesem und jenem sein sollen. Damit meine ich nicht die wirklich Verantwortlichen. Nur kann eine ganze Generation nie und nimmer die Verantwortung übernehmen und schuldig gesprochen werden für das, was Regierungen und deren Helfer getan haben.

Ich weiß, dass mein Vater und meine Mutter, auch meine anderen Verwandten, gute Menschen waren, so wie viele andere auch. Und - dem Verbrechen der sogenannten "Reichskristallnacht" 1938 standen sie fassungs- und hilflos gegenüber, wie ich aus späteren Gesprächen weiß. Wenn diese Generation, die durch den ersten Weltkrieg ging, die eine wirklich schlimme Zeit danach erleben musste - man sprach über die "Kohlrübenzeit", sprich Hungerepoche - durch politische Wirren verunsichert war, nun zunächst einem Neuanfang unter dem Hakenkreuz positiv und vielleicht auch abwartend gegenüberstand, dann hat sie keine Schuld an dem was kam. Als alles im Gange war, erwies sich ein Aufbegehren ohnehin nicht mehr machbar.

Schlimm allerdings ist es, wenn eine Generation wie die meine, in eine derartige Gesellschaftsform hineingeboren wird. Wie will ein junger Mensch, unausgegoren und bar jeder Lebenserfahrung wissen, was gut oder schlecht ist, wenn er sofort vereinnahmt wird. Auch hier gibt es den Vergleich zwischen diesen beiden Jugendorganisationen der zwei verflossenen Diktaturen. Bei allen sonstigen Unterschieden, wo war der Unterschied der Ideologien - hier schwarzes Tuch, dort war es blau - was den jungen Hals umschlang? Ich hatte sehr mit mir zu tun, als der Zusammenbruch kam und alles, was vorher gut zu sein schien, nun plötzlich genau das Gegenteil sein sollte...

Опубликовано 08.03.2013 в 02:38
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